LESEPROBE Kapitel 1-3




Kapitel: Einleitung



Ist das Leben lebenswert ohne Sinn?

Richi, ein Freund eines Freundes, ist felsenfest davon überzeugt, dass Verschwendung die grösste aller Sünden sei. Er lässt keine Party aus, konsumiert Drogen und versucht bei jeder Frau sein Glück. Mit seiner Einstellung hat er es auch beruflich weit gebracht, er geniesst Ansehen und hat viele Bewunderer. Aber eines kann er nicht so gut; mit sich allein sein und Stille aushalten. Er erträgt es nicht, wenn bei ihm Sinnfragen auftauchen.

Ohne Sinn verliert das Leben an Wert und Bedeutung. Der alleinige Zweck zu leben, um Leben an die nächste Generation weiterzugeben, ist der Lauf des Lebens. Aber für ein Lebewesen mit Bewusstsein reicht das nicht. Ein intelligentes Wesen ergründet, es will wissen wie, was und woher. Es ist fähig, anders als nicht intelligente Lebewesen, selbst Unwissen zu erkennen und Fragen zu formulieren. Der Mensch konnte bis heute viele Fragen mit Wissen füllen, aber bei der Frage nach dem Sinn des Lebens, vielleicht die wichtigste unserer Fragen, tappen wir eigentlich immer noch im Dunkeln.

Zu versuchen, so zu leben, dass man im Sterbebett sagen kann, möglichst gut gelebt und nichts verpasst zu haben, schmeichelt höchstens dem eigenen Ego. Aber wäre es nicht traurig, wenn dies allein der Sinn des Lebens wäre? Zudem funktioniert der alleinige Zweck, ein möglichst gutes Leben gelebt zu haben, nur mit einer riesigen Portion Egoismus. Das heisst oft zum Nachteil der anderen. Klar, es gibt Ausnahmen. Nicht jeder solche Weg verursacht Schaden, aber wenn alle egoistisch diesem eigenen Lebenssinn nachgehen, geht es mit Sicherheit jedem Einzelnen schlechter.

Selbstzweck als Sinn ist für uns unbefriedigend. Die Natur ist voll von diesem Selbstzweck. Trotz aller Bewunderung und Schönheit, alles, was wir an Artenvielfalt sehen, hat seine Spezialisierung, Ausprägungen und sogar Schönheit nur mit dem Zweck erhalten, das Leben oder seine eigene Art zu schützen. Ein Lebewesen mit Selbstbewusstsein fragt aber sogar bei sich selbst nach dem Sinn und Zweck des Seins.

Wir Menschen meinen, wenn wir von Sinn reden, nicht den eigentlichen Zweck, sondern einen höheren Sinn, einen Wertgehalt. Sinn soll demnach etwas Erstrebenswertes, Wertvolles sein und im Grunde einer höheren Ordnung entspringen. Ein anderes Wort für Sinn ist ja auch Bedeutung und ein anderes Wort für Bedeutung ist Wichtigkeit. Etwas von Wichtigkeit stellt einen Wert dar. Einen Sinn im Leben zu suchen, heisst unserem Leben einen Wert geben zu wollen.

Weshalb suchen wir nach diesem Wert oder Sinn? Sollte es genügen zu leben? Vergeuden wir nur Zeit und Aufwand mit der Suche nach einem Phantom, nach dem bereits seit es den Menschen gibt gesucht wird, und wirklich befriedigende Antworten trotzdem ausblieben?

Wie muss das früher bei den ersten Menschen gewesen sein? Mit dem menschlichen Bewusstwerden über das Bewusstsein entstand doch eine ganz neue Sicht auf die Welt. Die Komplexität des Universums, des Lebens und der Naturgesetze brachte bereits frühen Zivilisationen die Erkenntnis: Wenn wir Menschen auf der Erde die Intelligenz verkörpern und es uns trotzdem nur ansatzweise gelingt, das ‹Wie› und ‹Wieso› zu verstehen, woher kommt dann alles, das nicht von uns erschaffen wurde und was muss es da sonst noch geben? Um Antworten darauf zu finden, erforschten unsere Vorfahren die Welt. Man beobachtete und versuchte das Beobachtete zu verstehen. Im besten Fall führte dies zu Theorien und vielleicht sogar zu Überzeugungen. War das Geschehen hingegen uneinsichtig und bot keine erkennbare Ordnung, musste es vom Willen intelligenterer und mächtigerer Wesen stammen. Diese nannte man Götter. Es entstanden Religionen mit grossem Einfluss, die das gesamte Unwissen einer religiösen Ordnung zuschrieben.

Die zwei Ansätze Wissen oder Götter standen seit Beginn im Konkurrenzkampf. Die Zeit aber arbeitet für die Wissenschaft, denn jedes Wissen minderte das Unwissen und die Erklärungen der Religionen. Heute ist es fast egal, welcher Religion man angehört, man empfindet in unserer modernen Welt immer ein Stückchen Altertum beim Thema Religion. Der aufgeklärte Mensch neigt dazu, Religionen als unvollständig und veraltet zu betrachten. Zwar ist das nicht wirklich besser, aber heute überzeugen eher spirituelle Alternativen. Sie sind meist einigermassen glaubhaft vermittelbar und passen einfach besser ins heutige Leben. Manche Menschen nehmen aus verschiedenen Religionen die für sie passenden Teile heraus und setzen sie individuell für sich zusammen. Dann noch oder eben daraus, die Sekten mit ihren vielen Anhängern. Der Unterschied zwischen Religion und Sekte liegt wohl eher darin, ob eine Sekte etabliert und akzeptiert ist.

Interessant ist zu beobachten, dass mit einem Verlust der Glaubhaftigkeit einer Religion immer eine Leere entsteht. Eine Religion aufzugeben aus der Überzeugung, dass deren Unstimmigkeit überwiegt, führt nur selten zum Atheismus. An nichts zu glauben erfüllt und überzeugt einen auch nicht. Was durch einen Sinn und Zweck eines höheren Wertes gefüllt war und zusätzlich noch die grosse Verlockung beinhaltete, den eigenen Tod überwinden zu können, wird vermisst.

Was können wir tun? Wir möchten unser Leben nicht vergeuden, schon gar nicht, wenn es nach diesem Leben eine spirituell höhere oder wichtigere Stufe geben könnte… Nun gut, untersuchen wir zusammen den Sinn des Lebens! Betrachten wir fast wissenschaftlich Gott, ein Leben nach dem Tod und den Sinn des Lebens. Versuchen wir zumindest theoretisch und stimmig mit unserem Wissen und einer kritischen Betrachtungsweise Antworten zu finden.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens führt uns unweigerlich an das wichtigste Thema, ob es eine Art Leben nach dem Tod geben kann. Analysieren wir, was Gott ist, ob es so etwas wie Gott gibt und wenn, wieso es ihn geben soll.

Sollten wir danach die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod zumindest nicht ausschliessen können, dann können wir den Sinn des Lebens aus genau dieser Perspektive heraus betrachten. Danach werden wir die Rolle des Lebens selbst bei dem Sinn suchen, im Kontext: Wieso überhaupt Leben, um einen Sinn zu erfüllen?

Auch eine «bessere Welt» ist eine sinnvollere Welt und unterstützt den Sinn des Lebens. Betrachten wir den Sinn nicht nur für uns selbst, sondern für die gesamte Menschheit. Wir werden überlegen, was eine Welt besser machen würde und weshalb uns das offensichtlich Schwierigkeiten bereitet.

Schlüsselthema bei Überlegungen und Analysen um ein mögliches «Jenseits» sind Nahtoderlebnisse. Es sind die einzig modernen und nun einigermassen erforschten Einblicke in diese verborgene Welt von Geistern und Seelen, zu denen wir nach unserem Tod gehören sollen. Dies müssen wir aber ohne jeglichen religiösen Einfluss anschauen und deren Glaubhaftigkeit überprüfen. Wir untersuchen auch die von Kritikern angebrachten Zweifel und Alternativerklärungen.

Im Idealfall lässt sich ein Gesamtbild wie bei einem Puzzle aus bereits bekannten Stückchen und neuen Erkenntnissen zusammenfügen. Meiner Erfahrung nach lässt sich Echtheit, Wahrheit und auf dem richtigen Weg zu sein, gut daran erkennen, dass sich neue Erkenntnisse gut ins Puzzlebild einbinden lassen und nicht nur neue Fragen aufwerfen.

Wir vergleichen das menschliche Gehirn mit dem Computer und befassen uns mit Künstlicher Intelligenz, um uns selbst besser zu erkennen. Machen uns Gedanken über unsere Gefühle und das Wesen des Universums, um das Leben und seinen Stellenwert zu ergründen. Wenn wir erkennen, was wir wieso sind, kommen wir den Antworten näher, weshalb wir sind.






Kapitel: Glaubensfragen



Die Sinnsuche ist tief verwurzelt in Spiritualität und Religion.

Wie fast alle wurde auch ich in eine Religion hineingeboren. Als Kind zweifelte ich nicht an den Überzeugungen meiner Eltern und einer ganzen Gesellschaft. Doch fragte ich mich, weshalb so viele Menschen überzeugt sind von einer anderen Religion. Was war denn an meiner Religion wahrer oder richtiger? Meine Religion wie die meisten, die mit einem ganz besonderen Menschen anfängt, über deren Leben Generationen von Geschichtenerzählern berichtet haben, bis irgendwann diese Geschichte aufgeschrieben wurde. Wir wissen alle, dass da vieles vergessen und dazu gedichtet wurde. Danach wurde jedes Wort dieses Buches auf die Goldwaage gelegt, da es Gottes Wille war, dieses Buch Wort für Wort genau so zu schreiben. Mir jedenfalls war die Frage nach einem Sinn zu wichtig, um Zweifel auszublenden. Ich wuchs vom Kind zum Mann heran und gleichzeitig, indem ich manche übernommenen Überzeugungen und Ansichten hinterfragte und ablegte. Ich wollte meinen Gedanken genug Freiraum lassen, um erkennbare Wahrheit zu finden. Der wichtigsten Frage, der nach dem Leben nach dem Tod, wollte ich nicht mit einer alten Überlieferung begegnen.

Wissen ist aber nicht beständig und unveränderbar. Es kommen stets neue Gedanken und neue Informationen dazu. Wer denkt zu wissen, der glaubt. Idealerweise lernt und wächst man bei jedem Teilgebiet weiter, bis man zumindest den skeptischen Nörgler in sich überzeugt hat, ein Stück Wahrheit gefunden zu haben.

Viele Jahre stand mir ein überdimensionales Hindernis im Weg, das wie ein Nebel meine Suche behinderte. Es brachte mich beinahe dazu, der eher wissenschaftlichen Logik den Vorrang zu geben, ohne Beweise nicht davon ausgehen zu können, dass nach dem Tod noch irgendetwas übrig bleiben kann. Das Hindernis war die simple, aber nicht zu unterschätzende Tatsache, dass jeder Mensch in seinem Innersten an ein Jenseits glauben WILL. Aus verschiedenen Gründen will der Mensch an seine Unsterblichkeit glauben. Aus Furcht vor einem Tod mit einem Nichts. Weil eine gewisse Führung und ein Weg zu erkennen bequemer ist. Weil man sonst der Vergessenheit ausgeliefert ist oder eben genau, weil das Leben sonst weniger Sinn beinhaltet, weniger Wert darstellt. Anders gesagt: Wenn es dem Menschen ein Bedürfnis ist, einen Gott zu haben, findet er bestimmt einen! Diese Tatsache liess mich fast verzweifeln.

Nun suche ich nicht in einem bestimmten Glauben nach der Wahrheit. Alle Glaubensausrichtungen halte ich für zu stark von Menschen beeinflusst. Trotzdem sehe auch, dass fast jeder Glaube ein wertvoller roter Faden für den Menschen darstellt. Welchen Glauben man dabei hat, ist meiner Meinung nach nicht von grosser Bedeutung. Die wichtigste Frage für jeden spirituell interessierten Menschen und jede Religion ist. Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Beweise für einen Gott oder das Leben nach dem Tod gibt es anscheinend viele. Jede Religion erzählt von Wundern, Erscheinungen und Gotteszeichen. Jedoch basieren sie auf Erzählungen und Geschichten. Es sind keine wissenschaftlich fundierten Tatsachen und der Zuhörer kann den Wahrheitsgehalt nicht überprüfen.

Der Einfluss auf Menschen durch eine Religion ist sehr gross, und je etablierter die Religion ist, umso mehr steigt eine blinde Hörigkeit der Gläubigen. Etwas Misstrauen kann nicht schaden. «Das Beste, was der Teufel je erfunden hat, ist der Glaube, dass es ihn nicht gibt.» Den Spruch kennt jeder. Ich halte den Teufel für eine menschliche Ausrede, vielleicht hat er mich also erfolgreich getäuscht. Den Spruch finde ich aber noch viel besser: «Des Teufels bestes Werk ist bedingungslosen Glauben an Gott zu fordern, ohne zweifeln zu dürfen.» Tatsächlich wird das in vielen Glaubensrichtungen direkt oder indirekt gefordert. Wehe den Abtrünnigen, den Andersgläubigen oder den Nichtgläubigen. Zweifel oder Kritik zu wagen, wird oft als Akt des Gottesverrates erachtet. Durch bedingungslosen Glauben und Hörigkeit ist es möglich, dass Religionen als Ursprung von Gewalt benutzt werden. Jeder gläubige Mensch sollte bei diesem Punkt für seinen Gott und das Gute zweifeln und kritisch sein gegenüber jeder Interpretation von Gottes Willen. Wenn das Zweifeln weniger Leid und Elend bedeutet, geschieht es zweifellos in Gottes Namen.

Um einen höheren Sinn im Leben finden zu können, werden wir religiöse Ansätze unbeachtet lassen. Wenn also von Gott, Seele/Geist sowie Jenseits die Rede ist, dann hat das keinen Bezug auf eine Religion. Lassen wir alles offen!






Kapitel: Nahtoderlebnisse


Nichts verändert die Sicht auf den Sinn des Lebens bedeutender als die Ausgangslage, dass es für uns noch mehr gibt als unser kurzes Leben. Alle Religionen prophezeien etwas Wichtigeres oder Höheres, dass uns noch verborgen ist. Nahtoderlebnisse sind Erlebnisse, die manche Menschen nach dem eigenen Tod und einer geglückten Reanimation berichten. Sie sind individuell verschieden, aber manche Teile von Erlebnissen häufen sich. Diese werden wir untersuchen:

  • Tunnel mit Licht am Ausgang;

  • sehr starke Gefühle wie Liebe, geliebt werden, Entspanntheit, Sorglosigkeit, innere Ruhe, Unbeschwertheit und andere;

  • den Körper verlassen;

  • das eigene Leben betrachten;

  • Begegnung mit Verstorbenen;

  • Zeitlosigkeit;

  • Bewusstwerden des eigenen Todes;

  • eine Lichtgestalt;

  • Bewertung des eigenen Lebens und

  • Rückführung ins Leben.

Wir leben in einem neuen Zeitalter, wenn es um Nahtoderlebnisse geht. Durch die heutigen Möglichkeiten von Reanimation in der modernen Medizin häufen sich Berichte solcher Phänomene in einer Weise, die Forschungsstudien ermöglicht. Krönung dieser Forschung wäre der Beweis einer ausserkörperlichen Erfahrung. Da liegt die Reibestelle zwischen Befürwortern und Skeptikern. Dieser Beweis würde eine Pforte öffnen, wäre eine wissenschaftliche Sensation und würde manche Denkweise verändern. Eine ausserkörperliche Erfahrung würde beweisen, dass nicht alles aus dem sterbenden Gehirn entspringt.

Gehen wir einmal davon aus, dass es ein Jenseits und einen Gott gibt mit all seiner Macht und seinen Möglichkeiten. Weshalb hat Gott uns nicht längst einen Beweis gegönnt? Wäre es nicht einfacher, ohne Zweifel von ihm Kenntnis zu haben? Diese Frage ist wichtig, weil die Antwort etwas über den Sinn aussagen könnte. Möglicherweise würden wir unser Leben mit der absoluten Gewissheit über Gott etwas anders gestalten. Wäre das aber vielleicht ein Konflikt im Sinn des Lebens? Würden wir heute mit Gottes Segen unseren Beweis bekommen, müssten wir uns auch fragen, weshalb jetzt? Weshalb erst nach ein paar Tausend Jahren oft erschreckender Menschheitsgeschichte? Haben wir eine derart falsche Vorstellung vom Jenseits und von Gott?

In unserer Vorstellung über Gott müssten wir zur Schlussfolgerung kommen, dass entweder Gott selbst uns keinen Beweis zeigen kann oder er es nicht möchte. Er könnte ja selbst an gewisse Einschränkungen gebunden und gar nicht so allmächtig sein oder aber Gott vermeidet es aus einem anderen Grund, den Beweis zu geben. Dann werden wir wohl auch in Zukunft keinen Beweis finden. Eine bewiesene ausserkörperliche Erfahrung würde übrigens nicht die Existenz Gottes beweisen, sondern nur, dass es nach dem Tod noch etwas geben muss.

Gestehen wir uns erst einmal zu, dass unser beschränktes Wissen über das Jenseits und Gott uns zu den übernommenen Sichtweisen und Annahmen verleitet. Wir orientieren uns normalerweise für Erklärungsversuche an religiösen Vorstellungen. Aber allein die Tatsache, dass viele verschiedene Religionen unterschiedliche Vorstellungen haben, zeigt die Aussichtslosigkeit dieser Wahrheitsfindung. Gehen wir aber davon aus, nichts über Gott und das Jenseits zu wissen, eröffnen sich vielleicht neue Möglichkeiten. Beachten wir zusammen einmal völlig unvoreingenommen vorliegende Indizien, um uns neuen Ideen zu öffnen.

Die Grenze zwischen unserem Diesseits und einem möglichen Jenseits kann nicht überschritten werden. Mit einer Ausnahme. Nahtoderlebnisse könnten eine kurze Grenzüberschreitung darstellen. Untersuchungen und Bücher über Nahtoderlebnisse gibt es bereits manche. Sie sind leider oft polarisiert geschrieben, um die eigenen Vorstellungen zu bestätigen. Wir werden einen neuen Ansatz versuchen. Obwohl wir leider «noch» nicht auf wissenschaftlichen Beweisen aufbauen können, gibt es noch eine weitere Vorgehensweise. Die Nahtoderlebnisse wurden bisher noch nicht nach rein mathematischer Wahrscheinlichkeit untersucht. Beispielsweise besagt das zehntausendfache Würfeln, dass die Treffer-Abweichungen der sechs Zahlen gering sein müssen. Die Häufigkeit des Würfelns minimiert diese Abweichung. Dies stimmt so, wenn man weitere Einflussfaktoren ausschliessen kann. Würde eine Zahl auffallend häufiger gewürfelt werden, wäre das ein Indiz dafür, dass die Gewichtsverteilung des Würfels nicht einheitlich ist oder die Proportionen nicht stimmen. Es würde sogar auf diesem Weg beweisen und nicht nur ein Indiz sein, dass mit dem Würfel etwas nicht stimmt. Nach dieser Vorgehensweise werden wir häufig auftretende Phänomene bei Nahtoderlebnissen untersuchen. Ergebnisse werten wir nur, wenn andere Erklärungen auszuschliessen sind. Schaffen wir das nicht, ist das Phänomen nicht aussagekräftig und kann nicht beachtet werden. So wie zum Beispiel das Phänomen des Tunnels mit hellem Licht. Ein zu ähnliches Erlebnis erhält man durch Sauerstoffmangel im Gehirn mit dem eigenen Begriff «Tunnelblick». Alternative Erklärungsversuche gibt es bereits viele von Kritikern und Zweiflern. Diese werden wir ernst nehmen und gesondert betrachten.

In einer breit angelegten Forschungsstudie namens AWARE wurden über vier Jahre bis 2014 an 2060 Personen Phänomene bei reanimierten Patienten untersucht und gruppiert. Ein interessantes Teilgebiet war das Verstecken von Bildern in Operationsräumen, die der Sterbende zuvor nicht sehen konnte. Damit verfolgte man das Ziel zu untersuchen, ob das Phänomen oder eben nur der Eindruck davon, aus dem Körper zu treten und im Raum an der Decke zu schweben, sich beweisen liesse. Und zwar dadurch, ob die Wiederbelebten das Bild danach beschreiben konnten oder nicht. Durch die zu seltenen Fälle, die in diesen wenigen Räumen und der untersuchten Zeit Nahtoderfahrungen hatten, sind die Beweise bis heute leider ausgeblieben. Dies ist weder in der einen noch in der anderen Weise aussagekräftig.

Analysieren wir nun häufige Phänomene, angefangen mit denjenigen, die man kritisch betrachten sollte:

* Tunnel mit Licht am anderen Ende ...

Wie bereits erwähnt, ist dies eine häufige Beschreibung. Manche Betroffene verbanden die Erfahrung damit, aus dem Körper herauszutreten. Viele verbanden das Licht mit starken, positiven Gefühlen oder sahen darin sogar Gott selbst. Durch Blutmangel im Gehirn kann aber ein zu ähnlicher Effekt auftreten, der Tunnelblick. Da bei Herzstillstand auch Blutmangel im Gehirn entsteht, könnte das Erlebte durch dieses natürliche Symptom zumindest verzerrt werden, weshalb wir das nicht weiter untersuchen sollten.

* Sehr starke Gefühle wie Liebe, geliebt werden, Entspanntheit, Sorglosigkeit, innere Ruhe, Unbeschwertheit usw.

Entgegen der eigentlichen Vermutung und des Schreckens des Todes beschreiben fast alle solche positiven Gefühle bei den gesamten Erlebnissen. Die Gegenargumente gegen eine spirituelle Bedeutung lauten, dass das sterbende Gehirn selbst einen Trommelwirbel aus Gefühlen auslöst beim Sterben, die entweder als natürliche, schreckmildernde Funktion vom Gehirn gesteuert oder aber auch als Folge oder Reaktion des sterbenden Gehirns zu verstehen ist. Dies ist eine Begründung, die wir nicht ausschliessen können, aber später kommen wir noch einmal darauf zurück.

* Den Körper verlassen haben ...

Untersuchungen der eigenen Körperwahrnehmung konnten zeigen, dass vergleichbare Sinnestäuschungen hervorgerufen werden können. Durch Drogen oder elektrische Stimulation bestimmter Hirnregionen kann die eigene Sinneswahrnehmung für unser Körper/Raum-Gefühl beeinflusst werden. Dies führt zu einem Empfinden von Leichtigkeit, des Schwebens und davon, nicht mehr im Körper zu sein. Da solche Erlebnisse durch normale Prozesse des Sterbens, insbesondere durch das Ausschütten körpereigener Opiate verzerrt werden könnten, verliert dieser Teil der Nahtoderlebnisse leider seine Aussagekraft.

* Das eigene Leben betrachten ...

In einem kurz scheinenden Moment sieht man die wichtigen Punkte des eigenen Lebens wie in einem Film ablaufen. So erstaunlich dieses Phänomen ist, zumindest ein ähnliches Erlebnis kann auch durch Drogen, Hirnstimulation oder bei unmittelbarer Todessituation ausgelöst werden. Dieses Erlebnis tritt allerdings meist einzeln auf, ohne weitere Teile von Nahtoderlebnissen und falls doch, dann nur kombiniert mit dem Gefühl der Körperlosigkeit, die selbst auch stimuliert oder mit Drogen herbeigeführt werden kann.

Es gibt viele Berichte von tragischen Situationen, bei denen vom Betroffenen instinktiv vermutet wurde, die Situation nicht zu überleben. In solchen Momenten kann man die Rückschau erleben, selbst wenn keine reale Todesgefahr vorhanden war.

Es ist erstaunlich und interessant, dass die eigene Einschätzung, die Situation nicht überleben zu können, denselben Teil von Nahtoderlebnissen auslösen kann wie bei einem «echt» Sterbenden. Genauso kann man diese Erlebnisse haben, obwohl das Bewusstsein durch natürliche oder künstliche Ohnmacht ausgeblendet ist, aber ein Herzstillstand erfolgt, also den eigentlichen Moment seines Sterbens und die Reanimation nicht bewusst wahrnehmen konnte. Von daher müsste man vermuten, dass dieses Phänomen keinem übernatürlichen Ursprung zuzuschreiben ist, denn weshalb sollte aus einer spirituellen Ordnung heraus ein Prozess eingeleitet werden, wenn der Tod sogar nur fälschlicherweise angenommen wird. Ein Erklärungsversuch ist auch, dass man sich nur mit dem eigenen Leben befasst, weil man davon ausgeht, gleich zu sterben, weswegen eine derartige Lebensrückschau vom Unbewussten hervorgebracht wird. Bei einem Unfall könnte das ja stimmen, jedoch bei Drogen oder Elektrostimuli nicht.

Auch die Detailliertheit und Realitätsbezogenheit der Erinnerungen sind erstaunlich. Es gibt keine vergleichbaren Erinnerungserlebnisse. Im Wachzustand verblassen Erinnerungen mit der Zeit. Wir vergessen vieles, was weit zurückliegt, das kennen wir alle. Träume können erstaunlich kreativ sein und Erinnerungen in Träume einbinden, aber sie zeigen nie eine wahrheitsgetreue und detaillierte Wiederholung eines realen Erlebnisses. Im Sterbemoment können wir trotz aller ablenkenden Ereignisse einen tiefen Zugang zu unseren Erinnerungen erhalten, den man sonst nur aus der Hypnose kennt. Ob diese Erinnerungen unverfälscht die früheren Ereignisse widerspiegeln oder wie sonst üblich mit der Zeit eine eigene, leicht verfälschte Dynamik besitzen, wäre eine eigene Untersuchung wert. Leider müssen wir diese Frage offen und das ganze Phänomen als aussagelos stehen lassen.

* Begegnung mit Verstorbenen ...

Ein häufiger Teil bei Nahtoderlebnissen ist, verstorbene Freunde und Verwandte zu treffen. Wie beim Betrachten des eigenen Lebens kann auch dieser Teil eine Folge mit natürlichem Ursprung sein. Unser Unbewusstes könnte die Verbindung zwischen der Realität des eigenen Sterbens mit den verstorbenen nahen Personen wie eine gedankliche Brücke herstellen und die Fantasie den Rest übernehmen. Manch einer wird das nun für weit hergeholt halten, von einem sterbenden, sauerstoffarmen Gehirn solche Funktionen zu erwarten. Dies könnte aber möglich sein. Bei Untersuchungen der Universität Michigan an sterbenden Ratten konnte nachgewiesen werden, dass nach dem Herzstillstand eine kurze Phase sehr aktiver Hirntätigkeiten beginnt. In dieser Zeit könnten gewisse Nahtoderlebnisse vom Gehirn gesteuert werden. Wissenschaftler versuchen Erklärungsversuche bei bekannten Vorgängen zu finden. Nicht bei unbewiesenen, unstofflichen Philosophien. Es gibt aber auch Berichte, dass man alte Freunde getroffen hätte, von denen man vorher nicht einmal gewusst habe, dass sie inzwischen verstorben sind. Leider kann ein solcher Fall wissenschaftlich nur schwer bewiesen werden. Interessant ist hier die Wahrscheinlichkeit, denn normalerweise sind fantasievolle Produkte unseres Unbewussten nicht sehr realitätsbezogen. Es müsste viele Fälle von Begegnungen mit nahestehenden Personen geben, die noch gar nicht verstorben sind, was nicht der Fall ist. Deutungen hin oder her, wir können in diesem Teil der Phänomene keine wertvolle, richtungsweisende Bedeutung erkennen.

* Zeitlosigkeit: in kurzer Zeit viel erleben, das normalerweise viel mehr Zeit beansprucht hätte

Eine verschrobene Wahrnehmung des Zeitempfindens kann auch durch Drogen hervorgerufen werden. Dieses Phänomen messen zu können wäre sehr hilfreich, allerdings kann ein blosser Eindruck nicht untersucht werden. Man müsste der Empfindung des Erzählers vertrauen. Dass körpereigene Hormone und Drogen, die während des Sterbens ausgeschüttet werden, das Empfinden stören könnten, ist naheliegend. Ein spiritueller Hinweis auf ein Leben nach dem Tod ist es jedenfalls nicht ohne Beweise. Bei einem untersuchten Fall berichtet die AWARE-Studie von einem Patienten, der beschrieb, wie er seine Wiederbelebung aus einer Ecke des Raums beobachtete. Seine Angaben waren erstaunlich genau. Er beschrieb auch zweimal den Ton eines bestimmten Gerätes gehört zu haben. Nach seiner Beschreibung konnte es nur ein Gerät sein, das im Drei-Minuten-Intervall den beschriebenen Pfeifton erzeugte. Dadurch konnte sein Erlebnis zeitlich eingeordnet werden. Als die Maschine diese Töne erzeugte, hatte der Patient keine messbare Hirntätigkeit. Das könnte man nun als Zeichen verstehen, dass die Abläufe doch nicht vom Gehirn gesteuert sind, aber naheliegender ist, dass die EEG-Messverfahren zu oberflächlich und ungenau messen, um tiefere Hirnregionen zu erfassen. Jedenfalls konnte man durch diesen Bericht erkennen, dass die Erlebnisse nicht vor oder nach dem Herzstillstand stattgefunden haben, sondern wirklich währenddessen.

* Bewusstwerden des eigenen Todes ...

Manchmal geschieht das durch Betrachten des eigenen, leblosen Körpers. Manchmal durch das Wahrnehmen der Reanimationsversuche oder durch das Betrachten der Reaktionen von Verwandten und Freunden. Kaum ein Nahtoderlebnis beinhaltet nicht diesen Teil. Das geht in den Berichten als unbedeutendes Detail unter. Doch die Häufung und die Wahrscheinlichkeit sind ausserhalb des zu erwartenden Rahmens und der Sterbende wird regelrecht zu dem Punkt hingeführt, die Erkenntnis zu erlangen, dass er tot ist. Dass sein eigener Körper leblos da liegt und sein Bewusstsein trotzdem weiter besteht. Fragen wir uns, welcher Ablauf normalerweise zu erwarten wäre. Geht man davon aus, dass diese ganzen Szenarien nur im Gehirn entstehen, so wären sie am ehesten irgendwo zwischen Tagtraum und Traum einzuordnen. Eine gedankliche Konfrontation mit dem Tod wäre zu erwarten. Der Tagtraum oder Traum hätte also, gesteuert vom Unbewussten, mit grosser Wahrscheinlichkeit irgendetwas mit dem Tod zu tun, eine Art Spiegelung der Situation. Da ist aber etwas unstimmig, denn der Tod wirkt auf uns erschreckend, löst Verunsicherung oder Angst aus. In dieser Form geschieht das aber nicht. Fast alle berichten von einem eher unbefangenen Feststellen des eigenen Todes.

Ein Erklärungsversuch für diese Unbefangenheit könnte die Ausschüttung von Hormonen und Botenstoffen des sterbenden Gehirns sein. Hier müssen wir einen Unterschied machen zwischen einer unkontrollierten Ausschüttung mit dem Grund, dass das Hirn selbst stirbt oder einer gezielten Ausschüttung. Eine unkontrollierte Ausschüttung ist nicht wirklich vorstellbar bei der Unbefangenheit und der Klarheit der Erlebnisse, es würde eher Panik und Verwirrung herrschen durch verschiedene Hormonausschüttungen. Als gesteuerte Ausschüttung könnte das Gehirn ein Mechanismus besitzen, um uns den Tod zu erleichtern. Sollte man aber wirklich davon ausgehen, dass das Gehirn kontrolliert Botenstoffe zur Beruhigung ausschüttet und zusätzlich uns zur Erkenntnis führt, gerade gestorben zu sein? Die Evolution und das Leben/Überleben sind sehr erfinderisch, aber nie ohne Wert für das Leben selbst. Hätte die Evolution einen solchen Mechanismus hervorgebracht, würde das bedeuten, unser Gehirn besitzt Fähigkeiten, unsere Psyche in passenden Situationen zu beeinflussen, ohne wirklichen Nutzen für das Leben. Das wäre ja schön, aber weshalb nutzt es diese Fähigkeit dann nicht auch, wenn es wirklich um das Leben und Überleben geht, bei Depressionen und Suizidgedanken? Vermutlich, weil es den Mechanismus nicht gibt. Das Heranführen an die Erkenntnis gestorben zu sein, macht aus spiritueller Sicht tatsächlich viel mehr Sinn als irgendeine andere Erklärung.

* Eine Lichtgestalt ...

Erlebnisse beinhalten sehr häufig eine Lichtgestalt, die manchmal als Gott, oft auch als anziehendes, Licht und Liebe ausströmendes Wesen beschrieben wird. Das Erlebnis mit der Lichtgestalt wird von kraftvollen Gefühlen der Zuneigung begleitet und wird durch so manchen Erzähler religiös interpretiert. Die Häufigkeit sowie die starken Gefühle der Erlebnisse haben vielleicht eine Aussagekraft, die wir untersuchen sollten. Suchen wir zuerst nach einer natürlichen Ursache … Die starken Gefühle lassen sich wieder mit ausgeschütteten Botenstoffen und die Lichtgestalt mit dem Licht des Tunnelblicks erklären. Ungewöhnlich ist aber diese Fokussierung auf die Lichtgestalt. Viele würden diese starke Liebe und Zuneigung, käme sie von körpereigenen Botenstoffen, genauso gut zu einer der verstorbenen Personen oder zu irgendeinem Objekt erleben. Es berichten aber nicht nur bemerkenswert viele von dieser Lichtgestalt, sondern fast alle über diese Anziehung und Zuneigung. Skeptiker bringen an, dass man die Lichtgestalt nur fokussiert, weil man sie für Gott hält, aber selbst überzeugte Atheisten berichten von den Erlebnissen und Gefühlen mit der Lichtgestalt. Es sieht so aus, als seien es nicht nur ausgeschüttete Botenstoffe, da wäre die gleiche Problematik wie beim vorherigen Phänomen. Einbildung oder Fantasie kann man auch ausschliessen, denn es sind schlicht zu viele Berichte. Massenhalluzinationen oder kollektives Gedächtnis funktionieren nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, die hier nicht gegeben sind. Ein weiterer, natürlicher Grund für das Treffen mit dieser Lichtgestalt ist nicht erkennbar. Wenn man nun alles ausschliesst, was auf eine biologische, logische oder normale Ursache hinweisen kann, was bleibt dann noch? Weshalb lernen wir nach unserem Herzstillstand eine Lichtgestalt kennen, zu der wir uns stark hingezogen fühlen? Vielleicht weil es sie gibt? Wir wissen nichts über diese Lichtgestalt, wenn wir religiöse Vorstellungen ausblenden. Wenn man die Beschreibungen vergleicht, die nicht Gott oder Engel beschreiben, dann bleiben Aussagen von Wärme, Liebe, Vertrauen, Wohlgesonnenheit, Vaterfigur usw. Auch hier gilt, dass eine Anhäufung ähnlicher Erlebnisse wie dieser aus dem wahrscheinlichen Rahmen fallen. Aus mathematischer Sicht haben diese Erlebnisse eine Bedeutung und einen Wert. Dieser mag für den einen offensichtlich sein, ein notorischer Skeptiker wird den Grund bei «noch Unbekanntem» suchen. Ein vernünftiger, neutraler Mensch wird wohl sagen: «Wow, bemerkenswert!»

* Bewertung des eigenen Lebens ...

Beim Betrachten dieses «Lebensfilmes» berichten die meisten Beteiligten von Nahtoderlebnissen von einer Selbstbewertung ihres Lebens, meist begleitend durch die Lichtgestalt. Dabei werden einem verursachtes Leid und Konsequenzen begangener Fehler aufgezeigt. Aber auch gute Taten und erbrachte Opfer werden lobend bewertet. Mit emphatischem Mitgefühl, das man im Leben nicht in der Fülle empfindet, betrachtet und bewertet man das eigene Handeln. Es wird bewertet, es ist zumindest in diesem Moment nicht egal oder unbedeutend, wie man gelebt hat. Konsequenzen daraus werden nicht vermittelt. Nach den Aussagen bewertet man hautsächlich selbst sein Leben. Auch wenn der Lebensfilm selbst durch Drogen oder Hirnstimulation herbeigeführt werden kann, die Bewertung des eigenen Lebens kennt man nur bei echtem Herzstillstand.

Kommen wir noch einmal darauf zurück, ob die Lebensschau vom Gehirn selbst kommen könnte: Durch die Nähe und Verbundenheit dieser zwei Phänomene Lebensschau und Selbstbewertung müsste der Auslöser eigentlich derselbe sein. Es gibt keine Selbstbewertung ohne Lebensschau. Jedoch lässt sich nur die Lebensschau zusätzlich durch Drogen oder Hirnstimulation auslösen. Auch ein vermutetes Lebensende, wie bei einem Unfall, reicht nicht für diese Selbstbewertung aus. Dass der Auslöser beim sterbenden Gehirn zu suchen ist, scheint hier nicht auf jeden Fall zu stimmen, sonst hätten wir auch Fälle der Selbstbewertung bei vermutetem Lebensende. Vielleicht unterscheiden sich die zwei Lebensschauen doch grundsätzlicher voneinander, das könnte aber nur jemand beurteilen, der beides erlebt hat. Bedeutend ist jedenfalls auch bei der Selbstbewertung, dafür einen nicht übernatürlichen Nutzen oder Ursprung zu finden. Mir fällt keiner ein!

* Rückführung ins Leben ...

Die Berichtenden fanden alle zurück zum Leben, sonst könnten sie nicht darüber erzählen. Das Erlebnis dieser Rückführung kann sehr unterschiedlich sein. Einige kamen zu einem Punkt ihrer Sterbereise, an dem sie die Wahl hatten, selbst darüber zu entscheiden, ins Leben zurückzukehren. Anderen wurde erklärt, dass sie nun zurückmüssten, dass ihre Aufgabe noch nicht erfüllt sei. Eine dritte Gruppe wurde völlig unerwartet in einer Art Sog zurück in den Körper gezogen. Diese Gruppe hat keine wesentliche Bedeutung für unsere Sinnessuche. Das Herz begann nach der Reanimation zu schlagen und das Bewusstsein erwachte im Leben. Bei der Gruppe, die zurückmusste, sind Argumente, dass der Auslöser das Gehirn sein könnte, vielleicht gerechtfertigt, denn unser Unbewusstes könnte das Wiedereinsetzen des Herzschlages wahrnehmen und uns wie in einem Traum die Szene vorspielen. Allerdings erklärt das nicht die Häufigkeit und Ähnlichkeit dieser Erlebnisse. Interessant ist die Gruppe, die selbst entscheiden konnte. Es gibt keinen bekannten Fall, obwohl dies anzunehmen wäre, dass jemand nicht zurückwollte, diese Wahl hatte und trotzdem zurück ins Leben fand. Wäre die ganze Szene nur dem Gehirn entsprungen wie ein Traum, gäbe es bestimmt solche Berichte. Denn unser Unbewusstes spiegelt immer unsere Gefühlswelt. Konfrontiert mit Gedanken und Gefühlen um den eigenen Tod, also um eine unkontrollierbare Situation, würde bei einer vom Gehirn erfundenen Situation auch eher alles schieflaufen. Auch bei diesem Teil der Nahtoderlebnisse ist ein Erklärungsversuch mit rein biologischen Prozessen nicht erkennbar.

Zusammengefasst ist es trotzdem wie durstig im Meer zu schwimmen. Wir haben haufenweise Hinweise, finden aber keine eindeutigen Beweise für ein Jenseits. Es liegt hauptsächlich daran, dass harte Fakten gesucht werden müssen in einem Gebiet von Berichten, Erlebnissen und Gefühlen. Es ist gleichermassen schwierig, müsste man einen wissenschaftlichen Beweis für Liebe oder das Träumen finden, obwohl niemand an deren Existenz zweifeln wird. Was aber immer wieder auffällt sind die Häufigkeiten ähnlicher Berichte. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wären unendliche Variationen zu erwarten.

Von Änderungen der persönlichen Lebenseinstellung nach Nahtoderlebnissen wird auch oft berichtet. Dies mag auf den ersten Blick nicht verwundern, aber würde man Voraussagen wagen über solche Veränderungen, was wäre zu erwarten? Einige von ihnen würden wohl frommer werden im Sinne ihrer Religion. Andere würden bewusster leben und die geschenkte Zeit voll geniessen. Das hört man auch in etwa von Reanimierten ohne Nahtoderlebnisse. Überlebende mit Nahtoderlebnissen erzählen, dass sie keine Angst mehr haben vor dem Tod. Die meisten versuchen ihren Mitmenschen mit mehr Liebe und Verständnis zu begegnen. Sie versuchen, ihr Weiterleben nützlicher zu gestalten und sie betrachten das Leben, die Natur und die Mitmenschen mit mehr Respekt. Dies, obwohl bei vielen von ihnen ein Weiterleben nicht leicht ist. Oft haben sie Schmerzen, leiden an einer Krankheit, an Gebrechen oder sind durch einen Unfall gezeichnet. Wir kennen das alle an uns selbst. Eindrücke genauso wie gute Vorsätze verblassen schnell. Es müssen wirklich sehr bewegende Ereignisse stattfinden, damit Veränderungen über lange Zeit anhalten, so wie bei den Berichtenden.

Was für einen Einblick ins Jenseits wir wirklich durch Nahtoderlebnisse haben, wissen wir nicht. Wir können auch zeitlich betrachtet nur einen kurzen Einblick erhaschen und versuchen daraus schlau zu werden. Im Grunde wissen wir nicht einmal, welchen Teil wir davon gesehen haben. Was hinter diesem Einblick, dieser Grenze der Erlebnisse käme, kann niemand sagen.

Wir haben vernünftige und gute Ansätze erhoben bei der Auswahl, welche Teile von Nahtoderlebnissen wir werten sollten und welche nicht. Schauen wir uns noch an, was Gegner von spirituellen Deutungen zusätzlich argumentieren. Eine Theorie zu den tiefen und ergreifenden Gefühlen, die meistens vorhanden sind, begründet, dass das sterbende Gehirn Mengen an Botenstoffen wie Dopamin freisetzen könnte, was diese Gefühle erklärt. Dabei müssen wir davon ausgehen, dass Botenstoffe gezielt vom sterbenden Gehirn freigegeben werden, denn es gibt bei Botenstoffen und Hormonen immer aufhebende andere Botenstoffe, so etwas wie Gegenspieler. Ohne Kontrolle des Gehirns würden diese ebenfalls ausgeschüttet werden. Einzelne Gefühle wären dann eher gedämpft, aber wir würden die ganze Palette an Gefühlserlebnissen beobachten. Die Berichte enthalten nicht ein breites Feuerwerk von gegensätzlichen Gefühlen, sondern mehrheitlich eine Fokussierung auf Liebe, Geborgenheit und Wärme. Sogar die vereinzelten Berichte von Dunkelheit und Einsamkeit, die meist bei Suiziden erwähnt werden, beinhalten klare Gefühle.

Weitere Argumente sind, dass Sauerstoffmangel, Kohlendioxidüberschuss und Halluzinationen Auslöser der Erlebnisse sein könnten. Dagegen sprechen Versuche, welche unternommen wurden, um ähnliche Erlebnisse hervorzurufen. Der grosse Unterschied war stets der Zustand nach den Versuchen. Wenn Sterbende mit Nahtoderlebnissen zum Leben zurückkehren, sind die Erlebnisse meist sehr präsent, nah und real. Bei den Versuchen hingegen müssen sich die Probanden zuerst einmal derart vom Kohlendioxid oder dem Sauerstoffmangel erholen, dass die Erlebnisse später bereits wie verblasst und fern wirkten.

Ein weiteres Argument von Kritikern sind künstlich ausgelöste, aber vergleichbare Teilerlebnisse durch Hirnstimulationen oder Drogen. Persingers Motorradhelm-Konstruktion zur Hirnstimulation brachte seine Probanden zuverlässig zu einer Art höherem Sinneserlebnis mit spirituellem Charakter. Man begann seinen Helm den «Gotteshelm» zu nennen. War der Helm aber gar nicht am Strom angeschlossen, hatten manche ahnungslose Probanden trotzdem ein Gotteserlebnis. Es entstand nur aus der eigenen Erwartung, dass man gleich so ein Erlebnis haben wird. Dies kann man belächeln, aber auch als eigenes Phänomen betrachten. So wie die Tatsache, dass dieser Lebensfilm ablaufen kann, nur weil der Betroffene überzeugt ist, gleich zu sterben, zeigt, dass der Auslösegrund gewisser Erlebnisse nicht nur beim Tod selbst gesucht werden kann. Wir nehmen uns und unsere Umwelt durch unser Gehirn mit unseren Sinnen, Gefühlen und unserem Verstand wahr. Die Funktion des Gehirns lässt sich aber manipulieren. Hochgefühle und Bewusstseinsveränderung durch Alkohol und Drogen kannte man bereits in alten Kulturen. Da sich die Natur zur Steuerung von Gefühlen im Gehirn Botenstoffen bedient, können wir durch Einnahme bestimmter Stoffe unsere Gefühle manipulieren.

Neben gefühlsverändernden Drogen gibt es noch bewusstseinsverändernde Drogen. Einige wie LSD haben den scheinbaren Reiz, eine Tür zu öffnen und dadurch neue Einblicke in die Gefüge der Welt, Kreativität und des Spiritualismus zu erlauben. Schamanen bedienen sich oft Drogen, um den Kontakt zu ihren Geistern zu erleichtern. Drogen haben einen bestimmten Einfluss auf das Gehirn, Gefühle sowie Bewusstsein. Bestimmte elektrische Hirnstimuli haben ihre eigenen Effekte und genau genommen sogar Hypnose und Suggestion. Unser Ich-Empfinden, also das, was wir für unser Ich halten, hat für uns ein klares Bild. Doch so klar können wir unser Selbst nicht wirklich erfassen. Unter Drogen kann die Wahrnehmung von uns selbst und unserer Welt völlig anders sein. Ein spirituelles Erlebnis durch Drogen zu versuchen, so wie Schamanen, hat im Vergleich zu Nahtoderlebnissen nicht diese Ansammlungen von ähnlichen Erlebnissen. Diese sind in ihrer Art und Empfindung breit gestreut und daher wohl mehr ein Konstrukt der Fantasie.

Bei einem häufigen Erlebnis haben Anhänger biologischer Erklärungen auch Mühe, gute Gegenbegründungen zu finden. Dieses Hinführen zur Erkenntnis, dass man gestorben ist. Welche Bedeutung hat das? Ist das ein klares Indiz für etwas, was von aussen kommt und nicht von unserem Gehirn? Immerhin, niemand beschreibt seine Erlebnisse als traumähnlich oder zweifelt an der Realität des Erlebten. Während des Träumens ist man sich zwar meist nicht bewusst darüber, aber nach dem Aufwachen weiss man, dass es ein Traum war.

Nahtoderlebnisse, zumindest ähnliche Erlebnisse kann man auch ohne zu sterben erleben. Wie kann es sein, dass der Tod nicht der alleinige Auslöser ist? Dazu sollte man berücksichtigen, dass die Sterbenden selbst noch nicht ganz tot waren, man konnte sie ja wiederbeleben. Eine Erklärung wäre, dass der Zugang und die Verbindung zu dieser anderen Welt möglicherweise immer bestehen, aber von unserem Gehirn oder Bewusstsein so wie bei einer Überlagerung abgeblendet werden. Vergleichbar einem Vogelgezwitscher auf der Autobahn. So verursacht nicht der Tod diese Erlebnisse, sondern das Abschalten dominierender Gehirnfunktionen, um dieses Vogelgezwitscher endlich hören zu können. Drogen, Hirnstimulationen und Todesschock könnten teilweise oder ganz diese Gehirnfunktionen abschalten. Dazu kann es sein, dass unser Gehirn, womit wir die Welt wahrnehmen, nicht die Fähigkeit besitzt, diese Unstofflichkeit des Jenseits zu verarbeiten. So etwa wie ein Mensch, der bei seiner Geburt blind war und bei dem nach Jahren der Grund seiner Blindheit medizinisch behoben wird. Danach sieht er, das Gehirn kann aber zu Anfang die Sinnesreize der Netzhaut nicht interpretieren. Er sieht zwar, kann aber dabei nichts erkennen. In gleicher Weise wäre die Fähigkeit, diese andere Welt zu interpretieren, unmöglich. Mit viel Übung und Begabung vielleicht etwas spürbar, jedoch immer durch fantasievolle Interpretationen überschattet. Nahtoderlebnisse, die ohne diese Überschattung des Gehirns wunderbar funktionierten, müssen später vom Gehirn des Wiederbelebten erzählt werden. Eine fantasievolle Interpretation von real gefühlten Erlebnissen beginnt, so wie die Erzählung einer Fahrt zum Himmel in einem gelben Taxi. Sterben und die natürliche Abschaltung von Gehirnaktivitäten wären so gesehen eine Entfaltung und Befreiung des überlebenden Bewusstseins.

Aber was sind wir nun eigentlich, wenn unser Gehirn unseren Geist nicht erfassen kann? Was ist das Ich? Wir identifizieren uns durch unseren Körper und durch den Teil unseres Verstandes, den wir erkennen können. Aber was soll das denn sein, unser Verstand? Seele, Geist, Über-Ich, Karma, Bewusstsein oder doch nur Hirnströme, die ein Ich generieren? Dass unser Körper sterblich ist, das ist uns allen klar. Die Nahtoderlebnisse hinterlassen uns sogar bei skeptischer Analyse einige Indizien, dass mit dem Tod des Körpers unser Ich nicht ausgelöscht wird. Ganz davon abgesehen, ob man aus religiöser Sicht sowieso daran glaubt oder als moderner und intelligenter Mensch eher skeptisch ist, wir können nicht überzeugend ausschliessen, dass ein «Danach» auf uns wartet.

Ich selbst hatte nie eine Nahtoderfahrung. Eigenartig, dass mir Erzählungen darüber zwar neu, aber erstaunlich vertraut vorkommen. Geht es uns allen so, redet man nur nicht darüber? Unser lebendes menschliches Gehirn scheint eine grosse Säule unseres Ich-Empfindens zu sein. Das kann aber nur bedeuten, dass wir uns nicht sicher sein können, was oder wer wir im Jenseits sind. Unser Gehirn wird den Tod jedenfalls nicht überleben. Um ein Gespür dafür zu erhalten, was «menschlich», «lebend» und «geistig» unterscheidet, werden wir unser Ich in den nächsten Kapiteln unter die Lupe nehmen. Wir machen uns Gedanken über unser Bewusstsein, analysieren unser Gehirn mit seiner Funktionsweise und vergleichen es mit Computern. Wir untersuchen die für ein Zusammenleben störenden menschlichen Züge und versuchen danach, das Ich zusammenfassend zu beschreiben.